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Dato Barbakadse Print E-mail
Geschrieben von Webmaster   
Saturday, 29 September 2007 13:27

Dato Barbakadse ( geb.1966) - Schriftsteller, Essayist und Übersetzer

Gebürtig stammt Barbakadse aus der georgischen Hauptstadt Tbilissi.Seine Arbeiten wurden u.a. ins Französische übersetzt. Seit 1991 sind acht poetische Sammelwerke von Barbakadse erschienen, u.a. Sehnsucht nach Logik (1993), Eine Minute oder ein Leben vor der Abreise (1994), Der Dachdecker (1995) und Gesänge des Seeufers (2004). Auch seine Übersetzungen, u.a. aus Hans Arp, Georg Trakl, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger sind in fünf Bänden publiziert.

Barbakadse ist Absolvent der Fakultät für Philosophie und Psychologie der Staatlichen Universität Tbilissi, Gründer und Redakteur mehrerer Literatur-Zeitschriften, darunter einer Videozeitschrift. Er unterrichtete Philosophiegeschichte und Logik an verschiedenen Hochschulen in Georgien, darunter an der Geistlichen Akademie und dem Priesterseminar Tbilissi. In einem Sozialpsychologischen Hilfezentrum in Tbilissi war er als psychologischer Berater tätig. Barbakadse beschäftigte sich intensiv mit Soziolinguistik und existenzphilosophischen Fragen.

Dato Barbakadse erhielt 2004  ein literarisches Stipendium der Villa Waldberta bei München.

Barbakadse wurde 1966 geboren und studiert zur Zeit an der Universität Münster Philosophie, Soziologie und Geschichte im Hauptstudium mit dem Ziel einer Promotion. Dato Barbakadse ist Mitglied der Münsteraner Autorengruppe MS-Lyrik (s. http://www.muenster.org/autorengruppe/autorengruppe.html bzw. http://cgi.muenster.de/homepages/MS-Lyrik.html ).

 

Bisherige Veröffentlichungen in georgischer Sprache

Dichtung:
Lasst uns dem Herbst das Beileid aussprechen. Tbilissi, 1999;
Sehensucht nach Logik. 1993;
Die Fragenstellung. 1994;
Eine Minute oder ein Leben vor der Abreise. 1994;
Der Dachdecker. 1995;
Negation der Summierung. 1999;
Wesentliche Züge. 2001

Romane:
Die Mutation. 1993;
Die zweite Ferse des Achills, 2000
Sammelwerke der Essays: Poesie und Politik. 1992;
Begegnende Hindernisse. 1994;Fragen und soziale Umgebung. 2000
Sammelwerke der Übersetzungen: Aus der deutschsprachigen Poesie des 20. J.h. Erstes Sammelwerk. 1992;
Die Muster der europäischen und amerikanischen Poesie (Erstes Sammelwerk, 1992; Zweites Sammelwerk, 1993; Drittes Sammelwerk, 2000);
Hans Arp, Gedichte. 1992;
Georg Trakl, Gedichte. 1999;
Paul Celan, Gedichte. Erstes Sammelwerk. 2001;
Hans Magnus Enzensberger, Gedichte. Erstes Sammelwerk. 2002

 

Bisherige Veröffentlichungen in deutscher Sprache

Das Dreieck der Kraniche

(Lyrik) (Pappband) von Dato Barbakadse (Autor), Uli Rothfuss (Vorwort), Steffi Chotiwari-Jünger (Übersetzer)

Pappband: 80 Seiten
Verlag: POP; Auflage: Erste Ausgabe (2007)
ISBN-13: 978-3937139388
ASIN: 3937139389

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Arbeit am gesamtpoetischen projekt

Dato barbakadse - ein dichter wie sein land


Dieser dichter ist wie sein land, georgien: immer wieder überraschungen bergend, von einer berauschenden vielfalt, die sich auch bei der wiederholten begegnung nicht sofort erschließt, ein land mit einer sprache, die es sonst nirgends auf der welt gibt, auch nicht in verwandtschaftlichen formen; ein land mit sonderstellung, europäisch und doch östlich, orientalisch und doch irgendwie europäisch; und hier tritt vor uns: ein dichter mit einer besonderen dichterischen stimme, mit der man sich beschäftigen muss, wieder und wieder, wenn man sie andeutungsweise verstehen möchte; kein dichter der massenware also.

Dato barbakadse ist ein genauester beobachter, der das menschliche bewusstsein austariert und den prozess, wie er sagt, der „allmählichen befreiung von der aggressiven einstellung zu den dingen" observiert und beschreibt. der dichter ist dabei ein beobachter seiner selbst, er macht sich zum gegenstand der observation von veränderungen. im kern steht er damit in der tradition der deutschen romantik, der aussage von novalis in seinen blütenstaub-fragmenten (1798): „jeder mensch ist eine kleine gesellschaft"; oder: „je bunteres leben, desto besser."

Für dato barbakadse ist schreiben vor allem arbeit an ver-knüpfungen, an der verbindung von unterschiedlichem; so fasst er jede arbeit am text als arbeit am gesamtpoetischen projekt auf, genau so wie er es in seinem gedicht schreibt: „sondern sie sind in einem für sie unbekannten gesetz/ ... jeder ist in seiner ständigen bewegung ...", oder: „ich sehe die unsichtbare ordnung dieses gesichts, welches oft/ lediglich als eine einzige unsichtbare frage existiert/ ... durch die lösung der ineinander aufbewahrten und vergessenenen tausendfachen eigenen einsamkeit,/ durch lesen und stilles begreifen." lesen und begreifen als eine der grund-voraussetzungen dichterischen tuns, das einordnen des gelesenen und des erlebten, gesehenen in das eigene begreifen.

Dabei spielen metaphysische denkmodelle für dato barbakadse eine große rolle – ergebnisse seiner philosophischen lehrtätigkeit in den 90er jahren an hochschulen georgiens, seiner beschäftigung mit geschichts- und religionsphilosophischen schriften, mit ästhetik und logik. so findet er eine „grammatisch-sexuelle dimension" der sprache, und die poesie erlaubt ihm, in eine erotische urzeit zurückzugelangen, in einen zustand quasi der ur-sprache.

Diese arbeit von dato barbakadse ist nicht nur als die arbeit am einzelnen gedicht zu verstehen, sondern jedes weiterschreiben ist für ihn ein weiterarbeiten am gesamtpoetischen korpus. das einzelne gedicht wird so zum fragment des ganzen.

Damit ist dato barbakadse aber – im heutigen georgien selten genug - zweifellos ein bedeutender zeitgenössischer vertreter der europäischen poesie, einerseits ganz in der tradition großer georgischer dichter, andererseits zukunftsgerichtet, und dies in einer zeitgeschichtlichen phase der verwirrung, der neuen orientierun-gen in seinem land und in der literatur des landes. nur vordergründig liest sich seine poesie kompliziert, scheinen vielfältige und immens tiefgründige textebenen auf, die auch nur scheinbar vielschichtige philosophische und literaturhistorische kenntnisse voraussetzen. ein kennzeichen der poesie barbakadses ist, dass sie trotz allem „verständlich" bleibt, dass – und das macht wirkliche poesie aus – sie auch auf unterschiedlichen ebenen verstanden werden kann. das birgt einen immensen reiz, der beim lesen zu inneren, gedanklichen diskussionen anregt.

Dato barbakadses schaffen ist gepraegt von einer grossen belesenheit des autors – nicht als konsumierender, sondern als aktiver leser, der sich kenntnisse anliest, sie einbaut in sein eigenes poetisches weltbild, das so beeinflusst wird: von den großen denkern der orthodoxie wie johannes von damaskus, johannes goldmund und bassili dem großen, wie auch von den vertretern der klassischen griechischen und deutschen philosophien. auch elemente der auf die metaphysik orientierten intellektuellen literarischen tradition, der radikalen avantgardistischen praxis sowie des modernen, sozialen und ästhetischen linksprotests der europäischen 60er jahre scheinen auf, des georgischen hagiographischen und hymnographischen schrifttums, und natürlich des schaffens der georgischen klassiker von vaja pshavela über david kldiashvili bis michael javakhisvhili.

Elemente all dieser beschäftigung finden sich zusammen in dato barbakadses poesie, mit der er seine sicht von welt baut. dieser gedichtband steht als kleines ganzes in seinem schaffen und gleichzeitig als fragment des großen ganzen seines gesamtwerks.

calw, im september 2007

Uli Rothfuss
Pop Verlag Ludwigsburg
Stuttgarterstr.98, 71638 - Ludwigsburg

Salz 115 Literatur aus Georgien

4      Dato Barbakadse, Bela Tsifuria
Einführung in die postsowjetische georgische Literatur
11     Dawit Tschichladse
Gedichte
13     Karlo Katscharawa
Gedichte
15     Badri Guguschwili
Die Königin des Fleisches
17     Dato Barbakadse
Aus dem Lyrikzyklus
„Gesänge des Seeufers“
22     Swiad Ratiani
Gedichte
23     Schota Iataschwili
Gedichte
25     Aka Mortschiladse
Das Buch
31     Surab Karumidse
Der Ziegenbock und Gigo
43     Lascha Bugadse
Denen, die am Finden des
Mozart-Grabes interessiert sind
47     Irma Tawelidse
Die Personen der Handlung
53     Rati Amaglobeli
Gedichte
54     Sofiko Kwantaliani
Gedichte aus dem
Zyklus „Animationen“
55     Giwi Margwelaschwili
Miniaturen
58     Ute Eisinger
Die Literatur Georgiens
65     *)Porträt: Clemens Eich
Der Händler der Wirklichkeiten
von Anton Thuswaldner
67     Gesalzen
Glosse von Vladimir Vertlib
Salzburg – Hallein

Strubergasse 23
A-5020 Salzburg
Tel.:+43-662 42 27 81-17
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Beispielwerke

Es regnet und die Menschen mit den Regenschirmen gehen
um die Mittagszeit am Seeufer entlang ihrer Wege

(Aus dem Zyklus „Gesänge des Seeufers“)

Für Oguz Tarihmen
 

   Unsere leisen und unumkehrbaren Erzählungen sind
   durch andere nicht an die Wände und auf die Leinwand,
   sondern in den Himmel gemalt.
   Die leisen und unumkehrbaren Erzählungen unserer
   leisen und unumkehrbaren Geschichtsmaler sind durch
   uns mit Wasser und Feuer gemalt.
   Über das Schicksal dieser uns unbekannten Maler
   wird uns durch vielerorts gemalten, in den Himmel
   gestreuten, gestreut ohne Wasser und ohne Feuer,
   Erzählungen berichtet.
   Diese für uns unbekannten Maler lesen über unser
   Schicksal in alten und verblichenen Erzählungen, die
   sie nah des Himmels, in engen Fluren und aus Stein
   gebauten Zimmern, beherbergen.
   Die leisen und unumkehrbaren Erzählungen der
   anderen sind von Fremden zum Verkauf ausgebreitet,
   gemalt, für uns ganz überraschend, von ganz Fremden
   und schon von uns irgendwo und irgendwann gelesen.
   Wir erinnern an eine ganz andere Zeit und
   woanders erlebte Lesungen und sehen unsere leisen und
   unumkehrbaren Erzählungen, die die Fremden in fremden
   Orten und Zeiten malen.
   Unsere leisen und unumkehrbaren Erzählungen
   beobachten Maler, die jene mit Feuer und Wasser im
   Himmel gemalt haben.
   Diese Maler sind wir nicht.
   Diese Maler sind wir.
   Wir malen unsere durch andere gemalten leisen
   und unumkehrbaren Erzählungen, deren Schicksal für die
   uns unbekannten Maler unbekannt sind, deren Gemälde
   wir in den alten verblichenen Erzählungen nah des
   Himmels beherbergen.
   Die Erzählungen, die über für uns unbekannte
   Malerschicksale erzählen, sind in enge Flure und aus
   Stein gebaute Zimmer gestreut, die schon nicht mehr
   existieren.
   Die Maler, die nicht mehr existieren, malen
   unsere leisen und unumkehrbaren Geschichten, die nicht
   mehr existieren und ganz andere Maler, die auch nicht
   mehr existieren, erzählen von unseren Schicksalen, die
   nicht mehr existieren, aber an die sich ganz andere
   Maler erinnern, die derzeit noch existieren.
   Wir malen im Himmel ohne Wasser und ohne Feuer
   zerstreute unbekannte Malererzählungen, die über ganz
   andere Malergeschichten von ganz anderen Malern
   erzählen werden. Auf den Geschichtsseiten ist von
   unseren Schicksalen, die ganz andere leise und
   unumkehrbar Malererzählungen und anderen Orten und
   andern Zeiten beinhalten, schon nicht mehr zu lesen.
   Die von uns vielerorts gemalten Geschichten
   werden mit Wasser und Feuer im Himmel gelesen.
   Die von uns gemalten unsichtbaren Erzählungen,
   für uns von fremden Malern gemalte und durch andere
   Menschen zum Verkauf ausgestellt, erzählen uns über
   enge Flure und aus Stein gebaute Zimmer, wo jetzt
   andere leben.
   Diese schon erloschenen Erzählungen lesen die
   Maler und Dichter direkt im Himmel.
   Diese Dichter und Maler sind wir nicht.
   Diese Dichter und Maler sind wir.

  Aus dem Georgischen ins Deutsche übersetzt von
   Steffi Chotiwari-Jünger
   (auch in : http://www.muenster.org/autorengruppe/lyrikeraufruf.htm
    und http://www.muenster.org/autorengruppe/datobarb.txt    )

 

Dato Barbakadse, Tiflis
 

Frühling

An Ingeborg Bachmann
 

Gestern war ein rotes Wetter.
Du weißt, was das bedeutet.
Dass die Sonne untergegangen ist, und in der Stadt war das Wetter rot.
Schau, wie der Sturmwind heult und sich Mühe gibt,
Der Sturmwind, der den Winter verloren hat, den Schnee, die Bäume verloren hat,
Und er weiß, daß er sie nicht mehr einholen kann.
Schau, wie er heult und sich Mühe gibt, wie ein Mensch,
Der den Hausschlüssel nicht gefunden hat.
Du weißt, es ist grausam, sich um den Schwanz zu drehen:
Es scheint, der Lärm wird sich von vorne legen -
Der gemütliche Bewohner aller Häuser,
Niemand wird die Hunde zur Uferstraße fortjagen,
Niemand wird unsere Tür aufmachen.
Du weißt, diese Zeit wird Wunder verrichten.
Die Bürger prallen gegeneinander,
Und der Gedanke an die schwere Vergangenheit schneidet ihre Gesichte,
Das Unheil ging tanzend um die Stadt herum und beschloß,
Daß der Sturmwind die Stadt nicht verlassen kann;
Seine Spur ist zum Stahlring geworden,
Seine Worte schmecken nach Stahl.
Naja, Tibet - das war schon mal,
Bewegte sich schon, wie die Zeit, wie ein Fisch;
Schau: Wird es in dieser mit Männern gefüllten Stadt nicht mehr kalt werden?
Ist der Winter denn für immer gegangen,
Und die Wände stehen fest, grundlos da?
Werden etwa die Fragen nur den Antworten gegeben?
Große, himmlische Bären verlassen die Hotels,
Und die Hotels leeren sich,
Geschlachtete Kälber verlassen die Felder,
Und auch die Felder werden leer.
Irgendwo klingt die Feuerstimme wie eine Glocke,
Und auf dem Schachbrett ersticht der rote Tag die gefallenen Schachfiguren.
Auch die Zeit, die morgen kommt, wird Wunder verrichten.
Du weißt, in einem Tropfen Wasser ist unser Gesicht gegeben,
unsere schwere, glücklose Vergangenheit,
Der lange Flur unseres Wohnheims,
Das Herzschlagen, den hunderten roten Wettern überlassen.
Aber schau, das gibt es ja nicht: daß dem Sturmwind der Winter
zurückkommt,
Mit schwankenden Bäumen, mit Schnee und weichen, gefährlichen
Dächern,
Es ist zu weit, für wen - wie ein Haarband der Geliebten,
Für wen - wie die Brust,
Für wen - wie ein Brief.
 

Das Gedicht : "Frühling. An Ingeborg Bachmann", hier als Interlinearübersetzung des Autors aus seiner
georgischen Originalsprache, stammt aus dem Sammelwerk "Der Bedacher", 1995

 

 Dato Barbakadse bei seiner Lesung in der"Brücke" in Münster
Foto:Werner Klöpper                                         (8.Juli 2005)

Last Updated ( Sunday, 23 December 2007 02:39 )